WENN TIERE FLIEGEN...

Unser Leben davor...

Wir haben uns in der Schweiz schon in jungen Jahren selbständig gemacht. Im Jahr 1997 haben wir mit Hilfe von Sandras Eltern einen alten, heruntergekommenen Hof gekauft und diesen nach und nach renoviert. Zu Beginn gab dort weder Küche noch Kanalisationsanschluss und da wir nur geringe finanzielle Mitteln hatten, haben wir alles in Eigenregie in Stand gesetzt.
Dort eingezogen sind mit uns 3 Pferde, 3 Hunde und 2 Kaninchen. Doch schnell wurden daraus mehr und mehr Tiere und der Stall füllte sich mit eigenen und Pensionspferden. Die Türkis-Ranch war geboren, ein alternativer Westernreitstall, der pädagogisches, natürliches und artgerechtes Reiten anbot. Wir waren mit unserer sanften Reitweise vielen anderen Ställen voraus. Das sprach sich herum und bald hatten wir 70 wöchentliche Reitschüler und 12 Pensionspferde. Der Moment war gekommen, um unsere auswärtigen Jobs an den Nagel zu hängen und unser Hobby zum Beruf zu machen.

Während 12 Wochen im Jahr boten wir Kinderreitlager im Tipi an und waren dabei eben so glücklich wie unsere jungen Kunden.
Doch wir träumten von der Ferne und davon mehr Platz für unsere Tiere und weniger Nachbarn zu haben. Unsere Gemeinde und auch einige Anwohner machten uns das Leben nicht immer einfach. Es gab viel Neid und leider auch einige Anschläge auf unsere Tiere.

So wurde der Wunsch auszuwandern immer stärker und wir begannen unsere Fühler auszustrecken und unser neues Leben zu planen...

Warum Kanada?

1996 sind gute Freunde von uns nach Kanada / Quebec  ausgewandert. Seither hatten wir sie fast jährlich besucht und dabei nicht nur unsere Freundschaft aufrecht erhalten, sondern auch nach und nach dieses tolle Land kennengelernt. 
Die französische Sprache war uns zwar ein Graus, (vor allem Sandra) doch die einheimischen Leute in Québec waren uns sofort sehr sympathisch und die Gegend war wunderschön.

Doch wir wollten uns nicht sofort festlegen. Viele Leute rieten uns nach Frankreich auszuwandern, also schnappten wir den Wohnwagen von Jürg's Eltern und zogen mit 4 Hunden quer durch Frankreich. Dabei machten wir einen grossen Bogen um alle grossen Städte und besuchten viele Schweizer die selber ausgewandert waren. Doch obwohl Frankreich wunderschön ist, konnten wir uns nicht dafür erwärmen. Wir verglichen die Einheimischen mit  den freundlichen, offenen Québecer und da schnitten die Franzosen einfach schlechter ab (sorry).

Wir waren auch offen für einen Umzug in eine andere Region der Schweiz (z.B. Bern wo Sandra's Grosseltern wohnen) oder auch für den Süden Österreichs, wo die andere Hälfte von Sandra's Familie lebte und wo sie ihre halbe Kindheit verbracht hatte.
Gerne hätten wir Sandra's Familie mitgenommen (egal wohin), doch diese taten nach wie vor all unsere Auswanderungspläne als komplette Spinnereien ab. So fiel die Wahl schliesslich auf Kanada und wir fingen an unser grosses Abenteuer in Angriff zu nehmen...

Finde deinen Platz!

Zuerst flogen wir auf eigene Faust mehrmals nach Québec um etwas geeignetes zu finden, meist in der Nähe von unseren ausgewanderten Freunden.

Im Herbst 2001 wurde die Sache dann konkreter und wir hatten eine Reise mit einem Auswanderungsberater der auch Immobilienmakler war vereinbart. Diesmal war auch Sandra's Vater mit von der Partie, denn er hatte sich mittlerweile von unserem Enthusiasmus anstecken lassen. Wir schauten uns viele Höfe und Betriebe an, doch während der ersten Woche war nichts Passendes dabei. Wir wollten auch hier in Kanada weiterhin mit Kindern und Tieren arbeiten und viel Platz für unsere Tiere haben. Nicht zu abgelegen sollte es sein, damit Kunden den Weg zu uns finden würden. Aber keinesfalls nah an der Strasse wollten wir leben.
Das war ein Problem, denn viele Häuser werden in Quebec direkt an die Strasse gebaut, damit man im Winter nicht zu lange Einfahrten vom Schnee befreien muss. Nah an einer Strasse zu wohnen kam für uns jedoch überhaupt nicht in Frage, dadurch wurde unsere Suche etwas eingeschränkt. Ganz zum Schluss unseres Aufenthaltes entschied sich unser Reiseführer, uns einen Betrieb zu zeigen, den wir in Diskussionen zuvor immer abgelehnt hatten, weil er uns zu gross erschien. 20 Gebäude und 200 Hektar Land für 2 Leute - unvorstellbar für uns Schweizer!
Doch dann besuchten wir die Domaine Fraser, schauten uns alles an und wir wussten:
Wir waren angekommen, wir hatten unser neues Zuhause gefunden!

8 Monate später sassen wir mit unseren 30 Tieren im Flieger auf dem Weg nach Kanada!



Nicht ohne Unsere Tiere

Eines war klar für uns: Wir würden nirgends hin gehen ohne unsere Tiere!
Auch dann nicht, wenn es uns das letzte Hemd kosten würde weil wir uns für Kanada entschieden hatten!
Unsere Tiere sind unsere Familie und wenn wir ein Tier adoptieren, dann ist dies für uns ein Engagement fürs ganze Leben!
Wir hatten ausgerechnet dass, wenn wir unseren Betrieb in der Schweiz verkaufen und danach mit Eigenkapitaleinlage und Hypothek den neuen Betrieb in Kanada übernehmen, uns dann das restliche Geld knapp reichen wird, um all unsere 30 Tiere nach Kanada zu befördern.
Diese Rechnung war natürlich sehr dumm und leichtsinnig von uns, denn wenn man auswandert, sollte man eigentlich unbedingt genügend Startkapital als Reserve zur Verfügung haben. Aber wir sind nun mal wie wir sind und Vernunft war nicht immer unsere Stärke - besonders dann wenn es um unsere Tiere geht.

So kamen wir dann also glücklich und zufrieden in Kanada an, samt unserer Tiere, dafür fast ohne Geldreserven und Startkapital.
Wir haben viele Fehler gemacht bei unserem Start im neuen Land, doch trotz allem haben wir diese Ausgabe nie bereut und würden es heute wieder so machen!
11 dieser 30 Tiere leben auch heute noch mit uns in Kanada. Die meisten von jenen die nicht mehr am leben sind, sind erst vor kurzem aus Altersgründen verstorben und andere sind zwar nicht mehr am Leben, haben jedoch einige Nachkommen bei uns hinterlassen.

Wer war dabei?

Hier ist eine Liste der Tiere,    die damals mit uns ausgewandert sind

  • 4 Hunde
    Blacky, Kira, Windhuk, Dolly
  • 4 Katzen
    Mausi, Kasimir, Woodli, Philome
  • 9 Pferde / davon...
    2 Hengste, 2 trächtige Stuten und 2 Jungpferde
    - Rebecca
    - Grifie
    - Tamina
    - Marrakech
    - Angel
    - D'Artagnan
    - Shamal
    - Belaja
    - Beno
  • 3 Esel / ...welche wir aus einem Schweizer Eselheim adoptiert haben. Davon 2 trächtige Stuten und 1 Hengst
    - Laila, Manda, Pedro
  • 3 Frettchen 
    - Finn, Shiva, Silver
  • 3 Kaninchen
    - Bambi, Bijou, Wedding
  • 2 Zwergschweine
    - Wendy & Wilson
  • 2 Schachteln Bruteier (Illegale Einfuhr *pssst) ...damit wir Nachkommen haben konnten, von unseren geliebten Hühnern, welche wir in der CH zurücklassen mussten.

20 Hühner und 3 Goldfische mussten wir zurücklassen, diese wurden von einer veganen Familie adoptiert. ;-)

 

Auch mit dabei: 4 menschliche Begleiter zur garantierten Rundumbetreuung der Tiere:

  • Sandra und Jürg
  • Sandra's Vater Hans
  • Tierarztgehilfin für medizinische Notfälle 
  • Andrea, Sandra's Schwester (bis zum Verladen der Pferde ins Flugzeug)

Vorbereitungen...

Logistisch war der Transport von 30 Tieren ein enormer Aufwand! Impfungen, Verlade-training, Gesundheitstests, Quarantäne, Einreisebewillig-ungen, Transportreservationen und vieles mehr...
Sandra musste zu Hause in der Schweiz alles alleine organisieren, während Jürg bereits 1 Monat in Kanada auf der Domaine weilte, um alles für die Ankunft der Tiere vorzu-bereiten. Ausläufe bauen, Unterkünfte aufstellen, Weiden einzäunen, Bereiche für die Kleintiere einrichten und die Abnahme der Infrastruktur durch den Amtstierarzt in Kanada, waren Teil seiner Aufgaben. Jürg musste sich auch um die Beschaffung der Hypothek und die Schlussvorbereitungen der Visas kümmern.  Am meisten Zeit hat ihn jedoch die Entsorgung des Gerümpels und des Abfalls gekostet, welcher vom Vorbesitzer des Grundstücks zurückgelassen worden war. Jede Scheune und jeder Unterstand waren bis zum Dach  mit grösstenteils unbrauchbarem Schrott gefüllt, der sich die letzten 50 Jahre angesammelt hatte. 7 riesige Abfallcontainer Müll und  Alteisen mussten entsorgt werden bevor die Tiere einziehen konnten.
Zu Hause bei Sandra befand sich der Verkauf des Betriebes in der Endphase und es wurden zum letzten Mal  Kinderlager durchgeführt.

Als Jürg wieder zurück in der Schweiz war, gab es ein grosses Abschiedsfest für alle Kunden und Freunde und auch das Regionalfernsehen kam mehrmals vorbei, um von der bevorstehenden Auswanderung mit 30 Tieren zu berichten.
1 Woche vor Abreise wurde der grosse Überseecontainer geliefert und das grosse Verladen von Hab und Gut konnte beginnen. Noch in der Nacht vor dem Abflug der Tiere, waren wir bis 4 Uhr morgens damit beschäftigt Sättel, Zaumzeuge, Möbel und Besteck einzuladen. Danach sind wir irgendwann gegen 5 Uhr erschöpft auf dem Fussboden eingeschlafen - denn Bett und Möbel waren alle verladen. 2 Stunden später ging die grosse Reise los...



Die Grosse Reise...

Am 2. Juni 2002 war es soweit, die grosse Reise von 9 Pferden, 3 Eseln, 2 Hunden, 3 Frettchen und 3 Kaninchen konnte beginnen.
Die Katzen und zwei der Hunde waren bereits einige Tage zuvor mit unserer Praktikantin auf einem Direktflug nach Montreal geflogen und sicher auf der Domaine angekommen. Wer bereits mit Katzen unterwegs war, weiss, das sich diese oft wie die grössten Diven aufführen und die meisten Exemplare äussert ungern reisen. Da wird schon die 10-minute Fahrt zum Tierarzt zur Tortur für Tier und Mensch!  Dieses Katzengejammer und den Stress einer 3-tägigen Reise wollten wir ihnen (und uns!) ersparen. Deswegen hies es für unsere Katzen: "Einmal Zürich-Montreal einfach bitte"
Unsere beiden Zwergschweine Wilson und Wendy mussten fürs Erste in der Schweiz zurückbleiben, da die Einfuhr von Schweinen aus der Schweiz nach Kanada verboten war. Wendy und Wilson erreichten uns dann einige Monate später, nachdem sie eine abenteuerliche Reise über die grüne Grenze nach Frankreich hinter sich gebracht hatten, um das Einreiseverbot zu umgehen. Nicht ganz legal das Ganze, jedoch ohne Zweifel eine eigene Geschichte wert, welche wir an einer anderen Stelle erzählen werden...
Die übrigen "Kleintiere" wurden in Transportboxen verpackt, um die dreitägige Reise mit den Pferden anzutreten. Um den Pferden die Reise so angenehm wie möglich zu machen, wurde diese in 3 Phasen und 2 Übernachtungen aufgeteilt.
Zuerst ging es mit einem gigantischen Pferdetransporter, der alle 12 Equiden aufladen konnte, vom Kanton Aargau nach Frankfurt, an den grössten Frachtflughafen Europas. Die sechsstündige Autofahrt verlief ohne Zwischenfälle und alle warten gut gelaunt und freudig gespannt. In Frankfurt angekommen, wurden die Pferde direkt am Flughafen in den extra dafür eingerichteten Stallungen zu zweit, in grossen Strohboxen untergebracht. Die Kleintiere wurden in grössere Käfige entlassen und die Hunde übernachteten mit uns im Hotel. In der Nacht vor dem Flug taten wir kaum ein Auge zu, denn wir wurden immer nervöser und machten uns Sorgen, ob auch alles gut gehen würde.
Am nächsten Morgen wurden die Pferde von uns zu dritt in 4 Flugtransportboxen verladen, welche dann mit einer grossen Hebebühne ins Flugzeug gehoben wurden. Die Transportkäfige der Kleintiere konnten wir im Stauraum der Pferdetransportboxen unterbringen, zusammen mit den Wasserreserven und dem Tierfutter für den Flug. Während Sandra's Schwester bei den Pferden blieb bis sie im Flieger waren, mussten wir anderen erst mal ganz normal einchecken und durch den Zoll gehen. Wir wurden jedoch überall sehr schnell durchgewunken, denn es hatte sich bereits am ganzen Flughafen Frankfurt rumgesprochen, dass hier ein paar Verrückte mit ihren 30 Tieren fliegen. Unser Codewort war "Arche Noah" und sobald wir dieses aussprachen, wurden wir sofort überall vorgelassen und alles lief wie am Schnürchen. Wir konnten noch vor allen anderen Passagieren an Bord der Maschine gehen und waren bereits nach 30 Minuten wieder mit unseren Vierbeinern vereint, welche bereits geduldig im Flieger auf uns warteten. Unser Flugzeug war ein grosser Airbus der sowohl Fracht wie auch Passagiere befördert. Im vorderen Teil sassen die Passagiere und im hinteren Teil, abgetrennt durch einen Wand mit Tür, war die ganze Fracht und unsere Tiere in ihren Boxen untergebracht. Wir hatten unsere Sitzplätze in der hintersten Reihe und bekamen gleich zu Beginn einen Schlüssel ausgehändigt, mit dessen Hilfe wir die Tür zum Frachtraum jederzeit selber aufsperren konnten.

 

Als wir wieder bei unseren Tieren waren, stellten wir fest, dass diese nach wie vor sehr ruhig und gelassen waren und die Pferde zufrieden ihr Heu mampften. Dies blieb dann auch weiterhin so. Unsere Tiere nahmen die gesamte Reise, vom Aargau bis in die Provinz Québec äussert ruhig und gelassen hin. Sie vertrauten uns bedingungslos und es kam nie zu Unruhen oder Schwierigkeiten. Wir waren wahnsinnig stolz auf unsere Pferde!


Im Flieger angekommen blieben wir so lange wie möglich bei den Tieren, doch für Start und Landung mussten wir zurück auf unsere Sitze, um uns anzuschnallen. Dies waren für uns die bangsten Minuten, denn wir fragten uns, wie unsere Pferde beim Take-off reagieren würden. Kaum leuchtete das Symbol auf, das es uns erlaubte uns loszubinden, waren wir auch schon durch die Tür hindurch und wieder bei den Tieren.
Nachwievor lief alles bestens und wir begannen uns zu entspannen. Während dem langen Flug liessen wir sogar die beiden Hunde im Frachtraum rumrennen und streckten uns genüsslich auf den Heuballen aus, um ein Nickerchen zu machen. Das nennt man Beinfreiheit!
Während des gesamten Fluges tauchten nach und nach alle Flugbegleiter und Flugbegleiterinnen bei uns im Frachtraum auf, um die Hunde, Kaninchen und Frettchen zu streicheln und  die Pferde zu liebkosen. Da hat sich wohl der eine oder andere Fluggast gewundert, wieso es plötzlich im ganzen Flieger nach Pferd riecht. Haha!

Nach 8 Stunden Flug landeten wir sicher in Toronto und warteten darauf, dass die Pferde ausgeladen wurden. Plötzlich wurden wir von einem Beamten der Immigrationsbehörde noch im Flugzeug angewiesen ihm zu folgen. Doch das kam für uns überhaupt nicht in Frage! Wir wollten bei den Pferden bleiben, wer weiss wie wir sie auf diesem riesigen Flughafen sonst wieder gefunden hätten, nachdem sie ausgeladen worden waren. Wir machten also einen riesen Radau und zückten die Businesskarte unseres Auswanderungsberaters. Unser Englisch war etwas so schlecht wie unser Französsich (also sehr schlecht!), doch dem Beamten wurde wohl schnell klar, dass wir es ernst meinten und keinesfalls mit ihnen mitgehen würden. So lies man uns dann schlussendlich bei den Pferden und wir wurden gemeinsam mit ihnen (immer noch in den Flugtransportboxen) zur Station des Flughafen-Amttierartztes gefahren. Dort wurden alle Papiere der Tiere kontrolliert: Wir hatten eine unglaublich dicke Mappe an Dokumenten dabei. Für einige Stunden mussten wir ziemlich bangen, denn das Datum des einen Stempels war nicht korrekt. Die kanadische Amtstierärztin musste erst unsere Schweizer Tierärztin aufspüren (diese war im Kino), damit das Missverständnis aufgeklärt werden konnte. Erst jetzt durften wir die Tiere aus den Flugboxen befreien und etwas mit ihnen rumlaufen.

Dann ging es endlich weiter. Diesmal wieder per Strassentransport, was für die Pferde um einiges anstrengender ist als der Flug, da es während des Fluges kaum Erschütterungen gibt. Mittlerweile war unser Auswanderungsberater zu uns gestossen und wir fuhren mit ihm in seinem Mietauto hinter dem riesigen Truck her, der unsere ganze Tierfamilie transportierte. Die Truckfahrer fuhren unglaublich schnell und wir hatten Mühe, ihnen im starken Verkehr von Toronto zu folgen. (7 spurige Autobahn!)
9 Stunden später kamen wir endlich in unserem neuen zu Hause an und konnten alle Tiere in ihren Boxen und Ausläufen unterbringen. Die Pferde und Kaninchen mussten die nächsten 4 Wochen noch in Quarantäne verbringen, doch wir hatten es geschafft und alle waren heil und munter in Kanada angekommen!


Fotos von der Reise der "Arche Noah"